• Fachbeitrag

Das Fachwissen schützt vor dem Fehlverhalten

In der produzierenden Industrie rollen die Innovationswellen schneller denn je. Kaum ist die Industrie 4.0-Vision im Automatisierungsalltag der Unternehmen angekommen, steht die fünfte Revolution an. Neue technologische Errungenschaften bringt die nächste Stufe nicht, allerdings stehen künstliche Intelligenz, vernetzte Systeme sowie additive Fertigungsverfahren mit einer Mensch-Maschine-Interaktion im Fokus. Doch auf welche Faktoren sollten die Sicherheitsbeauftragten bei Industriesaugern besonders achten?

Foto: Nilfisk

Nilfisk-Expertenserie zum Einsatz industrieller Saugtechnik (Teil 1)

Die technologischen Treiber der Industrie 5.0
In der vierten industriellen Revolution spielte der „Produktionsfaktor Mensch“ beinahe keine Rolle mehr. Das ändert sich nun: Der aktuelle Industrie-5.0-Diskurs setzt die Potenziale der digitalen Transformation in einen neuen Kontext aus Mensch-Maschine-Interaktion. Diese humanitäre Bewegung soll laut Europäischer Union „das Wohlergehen des Arbeitnehmers in den Mittelpunkt des Produktionsprozesses stellen und neue Technologien nutzen. Wohlstand soll jenseits von Arbeitsplätzen und Wachstum entstehen, ohne die Produktionsgrenzen des Planeten zu verletzen.“  

In der metallverarbeitenden Industrie fallen dabei zwei Bereiche besonders ins Gewicht: Die wachsende Bedeutung additiver Fertigungsverfahren sowie der Einsatz von Verbundwerkstoffen in Trendsegmenten wie der E-Mobilität, der Solar- und Windkraft aber auch der Halbleitertechnik. Darüber hinaus sind selbstverständlich auch die traditionelleren Metallsegmente der spanenden Industrie angehalten, ihre Produktionsverfahren im Hinblick auf Menschen-Zentriertheit nochmals intensiv zu betrachten. 

Doch wo genau liegt denn dieser Analysefokus?
Der Industriesauger gehört zu den wichtigsten Elementen sicherheitsrelevanter Untersuchungen beziehungsweise Risiko-Audits, weil er Stäube und Späne eliminiert. Diese bergen je nach Art und Konzentration nicht nur ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Produktionsbelegschaft, sondern sind zudem in einigen Fällen leicht entflammbar und explosiv. Damit nicht genug. Stäube und Späne können sowohl die Produktionseffizienz durch Verunreinigungen empfindlich stören als auch die Qualität der gefertigten Teile negativ beeinflussen. Deshalb gehört der rechtskonforme und sachgerechte Umgang mit Metallen und Metallverbundstoffen ganz oben auf die Agenda von Berufsgenossenschaft und Sicherheitsbeauftragten. 

Mit den jüngsten Entwicklungen der Industrie 5.0-Bewegung steigt in vielen Betrieben und Supply Chain-Strukturen die Sensibilität für das Thema drastisch an. Zumal die geltenden nationalen und internationalen Vorschriften und Normen kaum Spielraum für Interpretation lassen. Wo früher Schaufel und Besen im Einsatz waren, greift die Berufsgenossenschaft heute streng durch. Unternehmen, die bei professioneller Absaugtechnik nicht am Ball bleiben, riskieren empfindliche Strafen und Umsatzeinbußen. Der Großteil der Prozessbeteiligten weiß um die Risiken, allerdings ist das Know-how über die entscheidenden Kriterien weniger umfassend, wenn Industriesauger beschafft werden. Deshalb lohnt sich ein Blick auf den Facettenreichtum, den Stäube und Späne in den verschiedenen Metallsparten und Produktionsverfahren mit sich bringen – sowie den damit einhergehenden Vorschriften-Dschungel.

Sicherheitsfaktor „Staubklasse“
Schauen wir auf die klassische „Späneindustrie“, dann liegt der Hauptfokus auf dem ordnungsgemäßen Umgang mit Schmier- und Kühlmitteln, Ölen und Spänen sowie der Rückgewinnung oder dem Recycling. Besondere Relevanz hat hier das Regelwerk DGUV109-003 zu den Tätigkeiten mit Kühlschmierstoffen. 

Höhere Relevanz für „Leib und Leben“ sowie für die Produktionsstabilität hat der Umgang mit gesundheitsgefährdenden Metallstäuben, der ebenfalls in der Norm IEC/EN 60335-2-69 Anhang AA beschrieben wird. Die feinstaubintensiven Produktionsverfahren können ohne fachgerechte Absaugung schwere körperliche Folgen haben. Sie reichen von Hautauschlägen, Augenjucken und -tränen über Fließschnupfen, Husten oder gar Atemnot bis hin zu schweren Lungenerkrankungen. Deshalb spielt die Vorbeugung, also die Reinhaltung der Atemluft, eine wesentliche Rolle. Sicherheit im Umgang mit diesen Gefahrstoffen bietet deren Einteilung nach sogenannten Arbeitsplatzgrenzwerten (AGW). Hier besagt eine Faustregel: Je niedriger der Grenzwert eines Stoffes ist, umso gesundheitsschädlicher ist er. In Kombination mit einer dreistufigen Klassifizierung nach „L, M und H“-Stäuben ergibt sich folgendes Bild: 

Staubklasse L, wie Leicht: Stäube dieser Staubklasse haben AGW-Werte von > 1mg/m3. Bei Saugern dieser Kategorie wird „nur“ das Filtermaterial durch die zugelassenen Prüfgesellschaften getestet. Der maximale Durchlassgrad des Filters beträgt <1%, wobei für die Entsorgung des aufgefangenen Materials keine speziellen Richtlinien bestehen. Metallstäube aus dieser Kategorie umfassen vor allem gröbere Materialien, die nicht in toxischen Verbindungen oder gefährlichen Legierungen vorliegen.

Staubklasse M, wie Mittel: Zu dieser Klasse gehören Stäube mit AGW-Werten von >= 0,1mg/m3. Sicherheitssauger dieser Kategorie werden als Gesamtgerät getestet. Der maximale Durchlassgrad des Filters beträgt <0,1 Prozent, wobei die Entsorgung des aufgefangenen Materials staubarm zu erfolgen hat. Metallstäube aus dieser Kategorie sind z. B. Aluminium, Titanium, Magnesium, Kupfer, Eisen, Zink. 

Staubklasse H, wie Hoch: Diese Klasse umfasst Stäube mit allen AGW-Werten sowie alle krebserregenden und mit Krankheitserregern belasteten Stäube. Bei Saugern dieser Staubklasse werden das Gesamtgerät sowie zusätzlich der Filter separat geprüft. Der maximale Durchlassgrad beträgt <0,005%, die Entsorgung muss staubfrei erfolgen. Metallstäube aus dieser Kategorie sind z. B. Blei, Cadmium, Chrom oder auch Nickelverbindungen. 

Zum besseren Verständnis der Kategorisierung gilt: Die Staubklassen sind „abwärts kompatibel“. Mit einer höheren Staubklasse können alle Stäube mit größeren AGW-Werten gesaugt werden. So deckt beispielsweise die Staubklasse M die Staubklassen L und M ab.