- Fachbeitrag
Gesundheitsbauten als systemrelevante Infrastruktur
Mit Verantwortung planen
Das krisenfeste Krankenhaus
Von der Grundrisslogik über die Materialwahl bis zur kleinsten technischen Komponente, beeinflusst alles die Funktion im Ernstfall. Krisenfeste Krankenhäuser sind längst ein Leitmotiv der gesamten Planungsphilosophie.
Eine funktionale und sichere Planung bedeutet Dinge wie die Redundanz der Strom- und Wasserversorgung, medizinischer Gase oder IT. Fällt eine Komponente aus, übernimmt eine zweite. Ebenso sollte ein Krankenhaus mindestens 72 Stunden autark funktionieren – mit Notstromaggregaten, Treibstoffreserven, Wasserspeichern und Wärmeversorgung. Die Gliederung in klar definierte Zonen wie Brandabschnitte, OP-Bereiche, Intensivstationen, Isoliereinheiten oder geschützte Kommunikationszentren sowie die intelligente Wegeführung sichern den geordneten Ablauf im Krisenfall. Bei letzterer trennt die Architektur die Verkehrsströme (Patienten, Personal, Besucher, Material).
Integrale Planung verbindet Gegensätze
Viele verschiedene Vorschriften führen zu Zielkonflikten. Mit der integralen Planung kommen Funktion, Sicherheit und Gestaltung in Einklang. Gute Architektur integriert technische Zwänge unsichtbar. So werden TGA-Komponenten oft in Decken- oder Wandsysteme integriert, um gleichzeitig Funktionalität, Hygiene und ästhetische Qualität zu gewährleisten.
Versorgungssicherheit als Haltung
Versorgungssicherheit bedeutet eine dauerhafte Betriebsfähigkeit trotz äußerer oder innerer Störungen. Neben Energie und Wasser umfasst sie IT-Infrastrukturen, Lagerhaltung, Logistik, Kommunikation und Personalreserven.
Mehrstufige Systeme, von der Sicherheitsstromversorgung bis zur unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) für sensible Geräte, schützen vor dem Totalausfall der Stromversorgung. Trinkwassergüte, Löschwasservorrat und Abwassertrennung müssen in jedem Szenario gesichert sein. Auch IT-Sicherheit und Cyberresilienz sind inzwischen Teil der gebäudetechnischen Verantwortung.
Die Verordnung zur Bestimmung Kritischer Infrastrukturen nach dem BSI-Gesetz (BSI-KritisV) und der Branchenspezifische Sicherheitsstandard (B3S) setzen hier verbindliche Maßstäbe. Das Krankenhaus wird damit zum digitalen Schutzraum mit redundanten Netzwerken, geschützten Datenstrukturen und Notfallplänen für den „analogen Rückfallbetrieb“.
Trennung von Versorgungssystemen
Trinkwasser, Abwasser, medizinische Gase und Luftsysteme dürfen sich weder physisch noch funktional beeinflussen. Separate Installationsschächte, farblich gekennzeichnete Leitungen und Systemtrenner nach DIN EN 1717 verhindern Kreuzkontaminationen. Autarke Lüftungsanlagen mit unterschiedlichen Druckstufen schützen sensible Bereiche vor Keimübertragungen. Diese Entkopplung schafft Sicherheit und erleichtert Wartung sowie Anpassung.
Der Ernstfall als Planungsgrundlage
Das Szenario des Massenanfalls von Verletzten (MANV) gehört seit Jahrzehnten zur Krankenhausplanung. Im Ausnahmezustand bedarf es flexibler Flächenreserven und klar definierter Abläufe. Rettungswagenhallen oder Tiefgaragen werden zu Behandlungszonen mit strategisch vorgehaltenen Anschlüssen für Strom, Gase und Daten. Separate Zufahrten für Einsatzkräfte, Helipads, geschützte Lagerflächen und Kommunikationszentren sind integraler Bestandteil des Entwurfs.
Eine dauerhaft geschulte Klinikeinsatzleitung (KEL) und ein zentraler operativer Notfallkoordinator (ZONK) sind das organisatorische Gegenstück zur baulichen Resilienz. Planung, Technik und Betrieb verschmelzen zu einem Sicherheitsnetz.
Lektionen aus der Corona-Pandemie
Theoretisch Geplantes musste plötzlich praktisch funktionieren. Seither ist die Pandemievorsorge fester Bestandteil der Klinikplanung. Stationen müssen bei Bedarf abtrennbar, lufttechnisch entkoppelbar und im Unterdruckbetrieb betreibbar sein. Personal- und Materialschleusen werden baulich vorbereitet, Kommunikationssysteme redundant ausgelegt. Die Vorratshaltung an Medikamenten und Verpflegung für mehrere Monate ist eine strategische Notwendigkeit.
Skalierbarkeit schafft Sicherheit
Modulare Bauweisen, überdimensionierte Schächte und bewusst offen gedachte technische Reserven ermöglichen spätere Anpassungen ohne Betriebsunterbrechung. Mit dem „Shell and Core“-Prinzip werden Flächen zunächst nur roh vorbereitet und bei Bedarf für neue Technologien, Behandlungsformen oder Kapazitätssteigerungen ausgebaut.
Die Auswirkungen des Klimawandels verlangen robuste Kühl- und Lüftungssysteme, intelligente Fassadenkonzepte und ein aktives Regenwassermanagement.
Verantwortung für die Zukunft
Die Leistungsfähigkeit von Gesundheitsbauten entscheidet über die Funktionsfähigkeit des gesamten Gesundheitswesens, wenn nichts mehr funktioniert. Ihre Planung bedeutet Verantwortung für die Zukunft durch ein stilles Zusammenspiel von Architektur, Technik und Organisation. Resilienz, Nachhaltigkeit und Menschlichkeit bedingen sich gegenseitig.
Text: Manuel Schmiedecke / Quelle: Sweco GmbH









