- Fachbeitrag
„Wir möchten nicht nur das tun, was der Gesetzgeber fordert“
Interview zum Thema Hautschutz und Nachhaltigkeit
RM: Herr Severiens, wie äußert sich die Nachfrage nach nachhaltig produzierten beruflichen Hautschutzmitteln im Alltag?
Frank Severiens (FS): Allgemein bemerken wir, dass viele unserer Kunden großes Interesse an den Maßnahmen haben, die wir in diesem Bereich ergreifen. So ist beispielsweise unsere Nachhaltigkeitsbroschüre sehr beliebt. Darin fassen wir zusammen, was wir im weiten Feld der Nachhaltigkeit alles tun. Mit Blick auf unseren CO2-Ausstoß beispielsweise wollen wir an unserem Standort in Euskirchen bis 2030 Netto-Null-Emissionen erreichen. Besonders interessieren sich die Kunden aber dafür, was wir auf Produktebene unternehmen. Wir bemerken eine große Nachfrage nach nachhaltig produzierten Hautschutzmitteln, die mit unabhängigen Labels ausgezeichnet sind.
Welche Label sind das und warum sind sie den Kunden wichtig?
FS: Es sind Label wie der Blaue Engel oder das EU Ecolabel, mit dem unsere Hautpflegecreme Physioderm Curea in der parfümierten und in der parfümfreien Variante jeweils in der 1-L-Varioflasche vor Kurzem ausgezeichnet wurde – übrigens als erste Leave-on-Produkte eines deutschen Herstellers nach den aktuellen und verschärften Vergabekriterien. Unabhängige Label sind bedeutsam, weil sie für die Kunden ein wichtiger und vertrauenswürdiger Kompass bei der Auswahl nachhaltiger Produkte sind.
Was tun Sie als Hersteller auf Produktebene konkret?
Verena Koch (VK): Ein Ansatzpunkt sind natürlich die Inhaltsstoffe. Dabei versuchen wir, überall dort nachwachsende Rohstoffe einzusetzen, wo es geht. So haben wir beispielsweise bereits vor einigen Jahren bei Reinigungsmitteln Mikroplastik durch Olivenkernmehl ersetzt. Früher wurden Kunststoff-Partikel in Grobhandreinigungsmitteln verwendet, um den Schmutz mechanisch zu lösen. Olivenkernmehl ist aus unserer Sicht eine gute und umweltverträgliche Alternative, die im Vergleich zu anderen alternativen Bioreibekörpern viele Vorteile hat.
Welche Vorteile sind das?
VK: Zunächst ist Olivenkernmehl ein nachwachsender Rohstoff und ein Nebenprodukt, das bei der Herstellung von Olivenöl anfällt. Im Unterschied zu anderen alternativen Reibekörpern, wie etwa Kork, müssen die Oliven also nicht eigens für die Verwendung als Reibekörper angebaut werden. Zudem ist es als Rohstoff in ausreichendem Maße verfügbar und kann die Mikroplastik-Partikel deswegen verlässlich ersetzen. Die CO2-Bilanz des Olivenkernmehls ist ein weiterer Vorteil, weil keine allzu langen Transportwege von Nöten sind. Der wichtigste Vorteil im Vergleich zu den anderen Alternativen ist jedoch die gute biologische Abbaubarkeit des Olivernmehls.
Lassen sich fossile Rohstoffe komplett durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen?
FS: Die Nachhaltigkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt, aber wir dürfen darüber andere Punkte nicht vergessen. Als Hersteller von beruflichen Hautschutzmitteln produzieren wir Produkte für den professionellen Gebrauch. Die Anwender unserer Produkte nutzen diese regelmäßig und zum Teil mehrmals täglich. Daraus erwachsen hohe Anforderungen an die Wirksamkeit und Hautfreundlichkeit. Und das Allergiepotenzial von natürlichen Inhaltstoffen ist oftmals leider höher als beispielsweise das von Rohstoffen, die auf Erdölchemie basieren. Deswegen müssen wir als Hersteller immer die Balance finden zwischen Umwelt- und Hautverträglichkeit und dürfen dabei natürlich auch die Wirksamkeit und die Produktsicherheit nicht vernachlässigen. Deswegen ist die Entwicklung von Produkten mit nachhaltig hergestellten und biologisch abbaubaren Inhaltstoffen anspruchsvoll und wir sind hier auch auf die Weiterentwicklungen unserer Lieferanten in dieser Hinsicht angewiesen. Wir sind hier trotzdem schon ziemlich weit: Deutlich mehr als 90 Prozent unserer eingesetzten Rohstoffmenge basiert schon auf nachwachsenden Rohstoffen. Langfristig ist unser Ziel auf 100 Prozent zu kommen.
An welchen weiteren Themen arbeiten Sie gerade?
VK: Besonders im Fokus steht derzeit die Recyclingfähigkeit unserer Verpackungen. Das ist ein extrem wichtiger Bereich, der sehr viele Ressourcen einsparen und die CO2-Emissionen senken kann. Wir arbeiten dabei mit der unabhängigen Interzero Recycling Alliance zusammen, einem der führenden Umweltdienstleister und Innovationsführer im Kunststoffrecycling. Interzero kooperiert eng mit wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem bifa Umweltinstitut und dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Wir haben unsere 2-Liter-Varioflasche inklusive Spenderpumpe und Etikett auf ihre Kreislauffähigkeit untersuchen lassen. Dabei haben wir 19 von 20 möglichen Punkten erreicht. Die Verpackung als Gesamtes ist zu 99 Prozent und damit laut Gutachten „sehr gut“ recyclingfähig. Deswegen dürfen wir für unsere 2-L-Varioflaschen nun das Logo „Made for Recycling“ verwenden. Darauf sind wir sehr stolz.
FS: Das Zertifikat ist auch für unsere Kunden sehr wichtig. Rein rechtlich müssen wir diesen Standard zwar nicht erfüllen, aber wir tun die Dinge ja auch aus Überzeugung, möchten vor der Welle sein und nicht immer nur das umsetzen, was der Gesetzgeber fordert.
VK: Auch bei den Kartonagen verwenden wir standardmäßig recycelte Fasern. Allgemein stellen wir auf leichtere und optimalere Verpackungen um, was den CO2-Ausstoß beim Transport reduziert. Unter Nachhaltigkeitsaspekten ebenfalls sehr wichtig sind auch Spendersysteme.
Warum?
VK: Weil Spendersysteme dafür sorgen, dass die Produkte optimal dosiert werden. So lassen sich unnötige Verbräuche reduzieren. Zudem sorgen Spendersysteme für ein Maximum an Hygiene.
Wie werden die Spendersysteme denn bestückt?
FS: Bei Reinigungsprodukten zum Beispiel gibt es zwei Möglichkeiten: durch Verwendung von nachfüllbaren Spendern, die aus größeren Gebinden befüllt werden, oder durch den Einsatz von geschlossenen Spenderflaschen. Mehrweglösungen erscheinen dabei häufig nur auf den ersten Blick als die bessere Lösung mit Blick auf den Ressourceneinsatz. Wenn man Aspekte wie den notwendigen Reinigungsaufwand bei Nachfüllspendern einbezieht und die Arbeitszeit oder den Einsatz von Reinigungschemie mit betrachtet – dann ist die Bilanz von Einwegsystemen häufig besser als die von Mehrwegsystemen. Das ist wichtig, weil beispielsweise bei Desinfektionsmitteln Einwegflaschen aus hygienischen und sicherheitsrelevanten Gründen unserer Ansicht nach alternativlos sind. Da Desinfektionsmittel nicht erst seit der Corona-Pandemie in vielen Unternehmen ein fester Bestandteil der systematischen Hautschutzkonzepte sind, herrscht in diesem Punkt immer noch große Unsicherheit bei den Verantwortlichen. Hier leisten wir aktuell viel Aufklärungsarbeit und beraten unsere Kunden und Händler intensiv.
Welche Rolle spielt die Kommunikation mit Händlern und Kunden grundsätzlich im Kontext Ihrer Nachhaltigkeitsbestrebungen?
FS: Eine sehr große. Alles, was wir tun, um nachhaltig zu produzieren und ökologisch sowie sozial verantwortlich zu handeln, kommunizieren wir transparent und offen in Richtung der Händler und Endkunden. Das ist wichtig, weil die Nachfrage und das Informationsbedürfnis immens gestiegen sind. Wir liefern unseren Händlern und Kunden eben nicht nur Produkte, sondern stehen ihnen auch mit Service und Beratung zur Seite: persönlich vor Ort und mithilfe unserer digitalen Servicetools.
Welche Rolle wird das Thema Nachhaltigkeit im beruflichen Hautschutz künftig spielen?
VK: Nachhaltig produzierten und hautschonenden Mitteln gehört im beruflichen Hautschutz ganz klar die Zukunft. Für uns als Hersteller bedeutet das, dass wir immer weiter forschen müssen. Und es heißt auch, dass wir im ständigen Dialog mit unseren Partnern auf allen Ebenen bleiben müssen, um uns Schritt für Schritt gemeinsam weiter zu verbessern.